Bericht vom Iain Abernethy Lehrgang 26.-28.06.2009

Viele von uns kannten ihn schon von anderen Lehrgängen, einige wenige wollten ihn kennenlernen, aber alle waren gespannt auf den UKD Bunkai Lehrgang mit Iain Abernethy. Iain ist ausgezeichneter Bunkai/SV Spezialist aus GB und war in der Vergangenheit schon einige Male in Süddeutschland (Iain in Großbottwar, Iain in Niederstotzingen, Iain in München).

Nachdem Iain ein sehr logisches, funktionierendes und realitätsnahes Kata-Bunkai lehrt, wollten wir ihn nach Stuttgart holen, um allen unseren Mitgliedern sowie Interessierten aus dem Großraum Stuttgart die Möglichkeit zu bieten, Iain und sein Kata-Bunkai kennenzulernen. Gesagt getan. Seit Ende letzten Jahres haben wir diesen Lehrgang geplant und deutschlandweit, sowie international über Iains Webseite ausgeschrieben. Die Resonanz war überwältigend! Bereits Ende letzten Jahres meldeten sich die ersten Teilnehmer an, drei Wochen vor dem Lehrgang gab es nur noch einzelne Restplätze durch Absagen. Wer sich anmeldete? Hauptsächlich hochgraduierte Schwarzgurte aus dem In- und Ausland, u.a. aus Berlin, Köln, Düsseldorf, Hamburg … aber auch aus Dänemark sowie den Niederlanden reisten Teilnehmer an. Viele kannten Iain schon oder wollten ihn kennenlernen, um ihren Karate-Bunkai-Horizont zu erweitern.

Über die Lehrganstage hinweg vermittelte Iain die Grundkonzepte und Methoden, wie Kata zu verstehen und wie Bunkai anzuwenden ist. Um dies verständlicher zu machen, zitierte Iain immer wieder Aussagen von Gichin Funakoshi, Hironori Ohtsuka und Itosu Anko, die in ihren Veröffentlichungen nachzulesen sind. Die wesentlichen Punkte haben wir hier herausgegriffen: (Die vollständige Liste der Prinzipien von Itosu Anko ist übrigens folgender Webseite zu entnehmen: http://www.iainabernethy.com/articles/Itosu_10_Precepts.asp)

  • Karate […] is not intended to be used against a single assailant but instead as a way of avoiding injury by using the hands and feet should one by any chance be confronted by a villain or ruffian.

Frei übersetzt: Karate hilft uns mit dem Einsatz von Händen und Füssen Verletzungen zu verringern/zu vermeiden, wenn wir von einem Bösewicht angegriffen werden. Dabei bezeichnet villain or ruffian den klassischen Schläger und Bösewicht. Daraus leitet Iain ab, dass ein Bösewicht nicht zwingend ausgereifte Techniken eines Kampfsportlers beherrscht, sondern eher in Wirtshausschlägereien geübt sein mag. Insbesondere heisst das, dass man in der Regel von Bösewichten nicht mit präzisen Karate-Techniken angegriffen wird (kein Bösewicht startet aus dem Zenkutsu Dachi und macht einen sauberen Oi-Zuki oder wehrt einen Schlag mit einem Age Uke ab). Weiter folgen die Angriffe keinem Schema oder vorgeschriebenen Ablauf. Es wäre geradezu fatal auf einen Schlag des Gegners zu hoffen, um diesen dann zu kontern. In Bezug auf das Bunkai brachte Iain diesen Aspekt mit folgendem Satz auf den Punkt:

  • Bunkai is something you do to the partner, not with the partner!

Ausgehend von einem Griff, Schlag, Schubser oder Hebel wendet der trainierte Karateka Karate-Techniken an, um sich möglichst unverletzt aus dieser Situation zu befreien. Diese Punkte waren die Grundfeste seines Bunkai. Sie wurden um die folgenden Anschauungen der Kata ergänzt und bildeten die Arbeitsbasis der drei Lehrgangstage:

  • Die Winkel in der Kata bezeichnen den Winkel, in dem man zum Angreifer stehen muss um diese Technik auszuführen. (Die Winkel bezeichnen damit nicht die Richtung aus der der Gegner kommt, denn das erste, was man in Situation macht, in der man angepöbelt und evtl. angegriffen wird ist doch, sich zum Angreifer hin zu drehen, oder?)
  • There is never a dead hand, es gibt im Bunkai keine Hand die nichts macht. Jede Hand die nichts macht, kann genausogut schlagen oder fassen. (Das schließt also alle ausholenden Hände an der Hüfte, etc. aus. Die klassische Hikitebewegung greift und zieht zur Hüfte, hat aber dabei immer etwas in der Hand.)

Dieses Hintergrundwissen und seine Methoden zeigte uns Iain an Hand der Kata Tekki-Shodan, die sich durch die gesamten drei Lehrgangstage zog. Am Freitag startete Iain mit einer Einheit im kleinen Kreis - vorzugsweise unter Beteiligung unserer Goshin-Enthusiasten - exklusiv nur für UKD-Mitglieder. Hier stand die Anfangssequenz der Kata Tekki-Shodan im Mittelpunkt. Dabei wurde - wie Iain anmerkte - „Tekki on the floor“ ausgeführt. Schwerpunkt waren also Techniken aus der Kata, aber im Bodenkampf angewandt. Eingie Würfe und Hebel kamen dann noch hinzu. Für den eher distanzverliebten Karateka war diese Tuchfühlung eine zunächst etwas ungewohnte Nähe!

Samstag startete offiziell der mit knapp 70 Teilnehmern ausgebuchte Lehrgang. Die Kata Tekki-Shodan wurde komplett zerlegt und Iain zeigte uns intensiv das Bunkai der Kata. Das Bunkai beinhaltet Techniken wie Greifen, Hebel, Würgetechniken und Strangulationen sowie Befreiungen. Nach einer Demonstration der Technik, durften die Teilnehmer jedes Mal selbst Hand anlegen, um die Techniken nachzuvollziehen. Es war für viele erstaunlich, mit wie vielen Anwendungen diese relativ kurze Kata vollgepackt ist. Hironori Othsuka, der Begründer des Wado-Ryu, sagte über die Kata Tekki-Shodan, dass sie sehr tiefgreifend ist und es sich um die einfachste und zugleich die schwerte Kata handelt. Wenn man bedenkt, wie schnell sie erlernt und wie einfach sie ausgeführt werden kann und wie viele praxistaugliche Techniken und Prinzipien tatsächlich darin enthalten sind, ist dies sicherlich nicht untertrieben.

Am Sonntag lag der Fokus auf Kata Sparring der Heian/Pinan Reihe, also dem Bunkai-Drill mit Partner anhand der Kata. Hier wurden z.B. Shuto-Uke-Zirkel und Rhythmen gelehrt, die es Schülern ermöglichen, wechselseitig die realistische Anwendung der Technik zu üben. Es wurden aber auch Übungsbeispiele zur Distanzwahrnehmung sowie für Situations- und Rollentrainings gezeigt und durchgeführt. Neben den Anwendungen und Sparrings der Kata zeigte Iain an kleinen Sequenzen seine Methode auf, wie Kata zu lesen und zu interpretieren ist. Sein Ziel war es hierbei, jeden Teilnehmer in die Lage zu versetzen, die Katas zu „lesen“ und die darin enthaltenen Techniken und Prinzipien entschlüsseln zu können. Die Teilnehmer konnten sich schließlich selbst überprüfuen, als Iain ihnen eine von ihm selbst frei erstellte Katasequenz zeigte und sie selbt ein Bunkai dazu erstellen ließ. Die Teilnehmer lagen zum Großteil sehr nahe an der von Iain in der Sequenz „verschlüsselten“ Bunkai-Anwendung.

Nicht zuletzt seine anschauliche Art, Kata zu erklären und zu deuten, machte den Lehrgang für alle interessant. Auch durften seine Geschichten und Witze nicht fehlen, die den Lehrgang sehr auflockerten.

Alle Teilnehmer waren mit dem Lehrgang sehr zufrieden, wie auch viele positive Rückmeldungen zeigten. Wir alle hoffen, auch im nächsten Jahr wieder einen Lehrgang mit Iain durchführen zu können.

Bilder vom Bunkai Lehrgang

Nick Hofele, Cornelia Schwarck, Sebastian Gunreben

 
www/dojo/events/2009iainabernethy/bericht.txt · Zuletzt geändert: 2009/07/29 08:32 von sebastian
 
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