UKD Insellehrgang - Kata und Kumite auf Borkum 2008In den vergangenen drei Jahren fand der UKD-Insellehrgang im Norden der schönen Mittelmeerinsel Mallorca statt. Nachdem aber Kellner, Hoteliers und Dauergäste begannen uns mit Namen zu begrüßen, beschlossen wir Ende 2007 eine neue Insel zu erobern. Schnell wurde klar, dass ein kompletter Kontrast her musste. Aus Süden wurde Norden, aus dem Mittelmeer wurde die Nordsee und aus unerträglich heiss wurde herzhaft erfrischend: Borkum hieß das neue Ziel. In Ostfriesland gelegen ist sie die westlichste der nordfriesischen Inseln, gelegen in der Mündung der Ems nördlich von Emden. Die Insel Borkum beherbergt in der Regel wegen ihres Hochseeklimas neben großen Naturschutzgebieten auch einige Touristen, meist Familien zum Baden und/oder Erholen. Dieses Jahr sollte die Insel aber zusätzlich Besuch von Karatekas aus ganz Deutschland bekommen. Der Besuch sollte eine Woche vom 09.08.2008 bis zum 17.08.2008 dauern. Nach einer stressfreien Zugfahrt und einer ruhigen Überfahrt mit dem Schiff erreichten die ersten 17 Teilnehmer Borkum am Samstag Nachmittag. Sie bezogen als erstes ihr Quartier und erkundeten sogleich das Gelände. Die Unterbringung vor Ort war nahezu perfekt. Wir belegten mit unseren 40 Teilnehmern knapp 1.5 der 6 Häuser der Jugendherberge und stellten auch sonst die größte Gruppe vor Ort. Die Häuser waren zusätzlich mit Gemeinschaftsräumen ausgestattet; das Haus der Lehrgangsorganisation besaß als ehemaliges Offiziersquartier sogar einen offenen Kamin. Auf dem Gelände der Jugendherberge gab es zudem noch eine kleine Kneipe für Pizza und Spielgäste. Auch der örtliche Fahrradverleih befand sich in unmittelbarer Nähe. Sogar ein kleiner Kiosk für das Nötigste stand bereit. Nachdem wir uns am Samstag und Sonntag Vormittag akklimatisiert hatten, begann auch schon die Vorbereitung für die Lehrgangseröffnung am Sonntag Abend. Der Lehrgang wurde offiziell von der Organisation und den Trainern eröffnet. Es wurden der Plan sowie die Trainer vorgestellt, auch die geplante Wattwanderung und das Lehrgangsturnier wurden angesprochen. Neben allen organisatorischen Details war Eins aber noch wichtiger: Das sich Kennenlernen. Die Teilnehmer stammten zwar größtenteils aus dem UKD und befreundeten Dojos, aber immerhin ein Drittel war der Organisation bis Dato unbekannt. Sie kamen aus Leer (Ostfriesland), Heidelberg, Hildesheim und Amsterdam. Darum war der eigentlich wichtigere Teil der Veranstaltung Kontakte knüpfen. Unsere kleine Gruppe stürmte daraufhin das Cafe Kuhstall gegenüber der Jugendherberge und bescherte der Wirtin den Umsatz des Jahres. Da wir bald die einzigen Gäste des Lokals waren, störte es auch wenig, als Tische und Bänke verrückt wurden, um auch wirklich alle an einen Tisch zu bekommen. Neben vielen Gesprächen, wurde vor allem eine Frage öfters gestellt: Ist der Trainingsbeginn um 7 Uhr morgens ein Druckfehler oder Absicht, die dem Lehrgang das Ansehen eines Boot-Camps verleihen soll? Natürlich war das kein Druckfehler …
Der Lehrgang begann in der Tat um 7 Uhr morgens mit der einer leichten Kumite Einheit bei Harald und bis auf sehr wenige, stand der komplette Lehrgang geschlossen auf der Matte. Die Graduierung reichte von Gelb bis Schwarz, wobei zweidrittel der Teilnehmer eine Graduierung kleiner dem 3. Kyu hatte. Dies ist deshalb besonders bemerkenswert, da auf Lehrgängen das Verhältnis meist andersherum ist. Begonnen wurde in diesen Einheiten stets mit Lockerungsübungen und Übungen zur Mobilisation, schliesslich lagen wir ja 10 Minuten vorher noch im warmen Bett. Karate-spezifisch hatten die Kumiteeinheiten Mehrfachkombinationen zum Thema. In den Morgeneinheiten waren dies Basistechniken wie Kizami-Zuki, Gyaku-Zuki, Mae-Geri aber auch der Ushiro-Geri wurde in Angriffssequenzen mit eingebaut. Dabei wurden die Kombinationen von Montag bis Donnerstag stets ausgefeilter und vielfältiger. Nach dieser Einheit genossen wir das Frühstück. Klassisch mit Tablett bewaffnet reihten wir uns in die Schlange beim Buffet ein und hofften möglichst schnell zur Kaffeemaschine vorgeschoben zu werden. Aus dem reichhaltigen Buffet stellten wir uns unser Lunchpaket zusammen, das neben selbstgeschmierten Broten auch zwei kleine Tetrapacks enthielt, die unweigerlich an Schulandheimaufenthalte vergangener Zeiten erinnerten.
Im Anschluss an die Kata/Kihon Einheiten folgten die Tai Chi Einheit von Brigitte sowie die Dan-Vorbereitung von Yvonne. Brigitte führte die große Anzahl an Teilnehmern in das Tai Chi ein. Inhalte waren Grundformen des Tai Chi sowie Lockerungs- und Entspannungsübungen. Zu Beginn der Woche fand der Kurs noch in der Halle statt. Gegen Ende der Woche wurde das Wetter besser, so dass der Kurs auf dem Rasen vor dem Haus oder im Festsaal des Headquarter Hauses stattfand. Für die Dananwärter des nächsten halben Jahres bot Yvonne spontan eine Dan-Vorbereitung an. Diese Kurse beinhalteten primär die Kata der Teilnehmer: Jion, Kanku-Dai, Nijushiho sowie Chinte und Sochin. Hier standen die Festigung des Ablaufs sowie die Perfektion der Techniksequenzen im Mittelpunkt. Auch gab Yvonne Tipps zum Kihon-Programm und dem Bunkai-Wahlteil. An beiden Einheiten schloss sich die verdiente Mittagspause an. Das Mittagsessen bot hier keine Überraschung mehr, schliesslich hatte man es ja am Morgen zuvor selbst zusammengestellt. Der Ort der Nahrungsaufnahme unterschied sich bei den Teilnehmern. Während einige die Aufenthaltsräume oder das Zimmer vorzogen (um dann gleich ins Bett zu fallen), fand sich regelmäßig eine kleine Schar auf dem Deich vor dem Haus. Der befestigte Deich mit seiner glatten Asphaltdecke bot einen idealen Sitzplatz und Essensplatz mit Blick auf das Watt oder das Meer (je nach Gezeit). Durch seine Schräge bot der Deich zudem Gelegenheit zu einem Mittagsschläfchen. Schliesslich ging es um drei Uhr Nachmittags mit der nächsten Kumite-Einheit weiter. In Haralds zweiter Kumite Einheit wurden die Techniken vom Vormittag erweitert. Es kamen neue Faust, Faust/Fuss Kombinationen sowie Tritte hinzu. Die Aufgabe der Mehrfachkombinationen wurde um Kontermöglichkeiten erweitert. Einfache Konter mit der Faust oder auch schnelle Tritte zum Kopf wurden geübt. In der letzten Einheit am Donnerstag Nachmittag stand zudem die Vorbereitung zum Turnier auf dem Trainingsplan. Die Teilnehmer wurden in das Regelwerk eingewiesen und mit der Wertung vertraut gemacht. Kurzentschlossene konnten zudem zur Teilnahme bewegt werden. Erfreulicherweise waren dies viele Gelb- und Orangegurte, die zum ersten Mal auf diesem Lehrgang Kontakt zum Wettkampfkumite hatten. Die Einheiten von Nick und Janez widmeten sich im Anschluss dem Bunkai der am Vormittag behandelten Kata. Nick beeindruckte nicht selten die Teilnehmer mit seinem realistischen Bunkai („Wow, das klappt ja wirklich!“). Vor allem die Teilnehmer aus traditionellen Vereinen oder anderen Verbänden waren sichtlich begeistert. Janez auf der anderen Seite der Halle lies ebenfalls Bunkai zu den verschiedenen Kata üben. Er orientierte sich dabei an der klassischen Auslegung der Techniken, nahe dem traditionellen Shotokan. Durch den straffen Zeitplan konnten nicht alle, aber viele Techniken der Kata im Bunkai nachvollzogen werden.
Im Anschluss an diese vier Einheiten folgte das Abendessen. Wieder im Speisesaal mit allen anderen Gästen der JuHe. Da der Tag und vor allem die Meeresluft hungrig machten, gab es kaum einen der sich keinen Nachschlag holte. Das Essen war gut, allerdings erinnerte der „kalte Tee“ oder das „Fruchtsaftgetränk“ unweigerlich wieder an die Schullandheimaufenthalte der Jugend. Harald beschloss mit der Meditation parallel zu Nicks Balintawak den Trainingstag. Mit der Meditation sollte der Körper und Geist wieder zur Ruhe kommen und sich entspannen. Dabei wendete er Bewegungs- und Atemmeditation an. Auch hier zeichnete sich ein konstanter Kern von 15 Teilnehmern ab. Gerne bot auch Harald einen weiteren Meditationstermin für Mittwoch Abend an, so dass kurzfristig auf die Nachfrage reagiert werden konnte. Nick entschloss sich spontan auf Grund der gesteigerten Nachfrage eine Einführung ins Balintawak zu geben. Im Vorfeld wurden die Teilnehmer informiert, dass dies möglich ist, so dass einige ihren Stock mit auf die Insel gebracht hatten. Seine Gruppe bestand aus Teilnehmern der letzten Balintawak Einheiten auf Mallorca, Teilnehmern des regulären UKD Trainings, in dem auch regelmäßig Balintawak gelehrt wird und Anfängern, die zum ersten Mal einen Stock in der Hand hielten. Nick versorgte alle mit dem nötigen Wissen, um die ersten oder fortgeschrittenen Zirkel zu schlagen. Die Gruppe bestand aus acht bis zehn Mann, die mal in der Halle, im Festsaal oder auch im Freien trainierte. Neben dem direkten Karate-Training gab es noch weitere Events. Am Mittwoch wurde eine Wattwanderung organisiert, am Freitag die Kyu-Prüfung abgenommen, der Lehrgang abgeschlossen, sowie das Turnier durchgeführt. Auf der Wattwanderung lernten wir das Watt mit seiner Flora und Fauna kennen. Mit kleinen Experimenten zum Salzgehalt und der Einbuddelgeschwindigkeit von Muscheln wurde die Wanderung aufgeheitert. Das Wasser bzw. was davon bei Ebbe noch übrig war, war so warm, dass wir das Watt auch barfuss erfühlen konnten.
Das Turnier am Freitag Nachmittag war neu im Rahmen des Insellehrgangs. Ziel war es, dass in dieser Woche in Kumite und Kata gelernte im Wettkampf umzusetzen. Für viele war es der erste Wettkampf und diese sollten Lust bekommen auch daheim in der Heimat Turniere zu besuchen. Mit 14 Startern brauchte es dann etwas Geschick in der Gruppeneinteilung um möglichst faire Pools zu bilden. Die Grobe Einteilung erbrachte sechs Kategorien. Im Kata Wettbewerb mussten zwei verschiedene Kata gezeigt werden. Die Kampfrichter (die Trainer des Lehrgangs) bepunktenten die Kata nach einem Kriterienkatalog (Rhythmus, Dynamik, Kime, Technikausführung und Schwierigkeit) in Anlehnung an die Katabewertung von Toni Dietls Master-Cup. Derjenige mit den meisten Punkten in Summe siegte in diesem Wettbewerb. Die Teilnehmer bekamen die Bewertungsbögen zurück und erhielten so ein Feedback zu den gezeigten Kata.
Damit war der Lehrgang offizell beendet. Bei heißen Grillwürstchen (und Bananen!), kühlen Getränken und der Abendsonne fand dann der Ausklang auf der Terrasse unsres Hauptquartiers statt. Wem nicht schon die Augen von so viel Training und Rahmenprogramm zufielen, der durfte bei Kaminfeuer sowie Gitarrenmusik seine Stimmbänder mit dem UKD-Liederbuch auch noch ausreizen. Das Fazit kann positiver nicht sein. 2009 wird der UKD nochmal einen Lehrgang auf der Insel Borkum veranstalten, soviel steht jetzt schon fest! Moin!
Sebastian Gunreben, sebastian [dot] gunreben [at] ukd [dash] stuttgart [dot] de, | |||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||