"Ein blondes Energiebündel gibt die Kommandos"

Lehrgang mit der zweifachen Karate. Europameisterin Nadine Ziemer - Ohne die Schutzausrüstung läuft nichts

Was vor 15 Jahren als Karate-Anfängerkurs an der Universität Stuttgart begann, ist seit nunmehr einer Dekade ein eigenständiger Sportverein, der Uni Karate Dojo (UKD) Stuttgart. Am Wochenende bekamen die Mitglieder und Gäste einen besonderen Leckerbissen geboten: einen Kumite-Lehrgang mit der zweifachen Europameisterin Nadine Ziemer.

„Itchi - Ni - San.“ Lautstark und in monotoner Gleichmäßigkeit klingen die Kommandos durch die Uni-Sporthalle am Allmandring. Wer dabei spontan an den Hollywood-Streifen „Karate Kid“ denkt und im Geiste einen in Ehren ergrauten asiatischen Großmeister vor Augen hat, der täuscht sich. Die 80 Karate-Kämpfer des Kumite-Lehrgangs in Vaihingen lauschen in gespannter Erwartung einem Energiebündel - gerade einmal 27 Jahre alt, mit blondem Zopf und weiblich.

Weniger eindrucksvoll ist es deshalb nicht, wenn Nadine Ziemer in der Standardsprache der Karatekas also auf japanisch dirigiert. „Itchi - Ni - San.“ Eins, zwei, drei. Immer wieder fordert Sie Ihre Schützlinge auf, die Hand- und Beinkombinationen möglichst identisch zu wiederholen. „Die Motivation ist sehr hoch. Schließlich hat man nicht jeden Tag die Gelegenheit, mit einer Weltklasse-Karateka zu trainieren“, sagt Eva Biedermann, Organisatorin des Lehrgangs und selbst Trainerin beim UKD Stuttgart.

Zum zweiten Mal bereits ist Nadine Ziemer an diesem Wochenende auf die Filder gekommen, und erneut haben sich interessierte aus ganz Süddeutschland angemeldet, um innerhalb des Eintageskurses möglichst viel von den Künsten der zweifachen Europa- und neunfachen deutschen Meisterin aus Konstanz abzuschauen. Im Gegensatz zur „Kata“, bei dem verschiedene Formen und Figuren choreographisch einstudiert und benotet werden, ist Ziemer Spezialistin im „Kumite“, der Zweikampf-Disziplin im Karate.

Fünf bis sechsmal im Jahr kümmert sich die hauptamtliche Übungsleiterin auf Wochenend-Lehrgängen um Kampfsportler, die ihre Technik verbessern wollen. Auch in Vaihingen ist von den Anfängern mit dem gelben Gürtel bis zum Inhaber des 4. Dan, dem Meistergrad, alles vertreten. Ziemer selbst trägt den 3. Dan. Auch erfahrene Karatekas können noch von ihr lernen. „Es gibt viele Stilrichtungen: es ist sehr spannend bei ihr zuzusehen“, sagt Ursula Eckstein, die seit gut 3 Jahren beim UKD trainiert und das Geschehen von der Tribüne aus beobachtet.

Eineinhalb Stunden dauert eine Einheit mit der zweifachen Kumite-Europameisterin. Die Schüler in Vaihingen lernen dabei keine Grundtechniken, sondern die Anwendung von Schlag- und Trittkombinationen. Die Faust und das Bein des Angreifers stoppen stets kurz vor dem Körper ab. Als zusätzlichen Schutz dient ein Handschuh, mit dem der Verteidiger die Angriffe abwehrt. „Wenn unsere Tritte voll durchziehen würden, könnte das im Ernstfall tödlich sein. Beim Wettkampf kommt es nur darauf an, die Technik möglichst exakt anzuwenden“, sagt Ziemer.

Ihr selbst ist das in den vergangenen Jahren ausgezeichnet gelungen. 1999 und 2001 reichte es für die Sportlerin des Karate Dojo Friedrichshafen jeweils zum Europameisterschafts-Titel. In zwei Monaten folgt der Jahreshöchstpunkt, die Kumite-Weltmeisterschaft in Madrid. Nadine Ziemer rechnet sich einiges aus: „Eine Medaille könnte drin sein, auch wenn das Teilnehmerfeld sehr ausgeglichen ist“, sagt die 27-jährige.

Wenn es nach den Teilnehmern des Lehrgangs in der Vaihinger Uni-Sporthalle ginge, dann käme ihre „Sensei“, ihre Karatelehrerin, wohl mit der Goldmedaille zurück nach Baden-Württemberg. Ursula Eckstein sagte: „Wenn man ihrem Tempo und ihrer Energie zuschaut, dann kann man nur noch Staunen“.


Von Harald Landwehr (Filder-Zeitung Mittwoch, 9. Oktober 2002)

 
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